Der Artikel von Marcus “How to make money with twitter” schlägt wohl doch noch etwas größere Wellen. Nicht nur dass Jens sich über die Kommentare amüsiert und dazu passend ein Lied für die ganze Branche ausgegraben hat, jetzt wir mit Nepper, Schlepper, Bauernfänger gekonntert.
Ich finde die ganze Diskussion ein wenig übertrieben. Klar muss ich ja auch, ich komm ja schließlich aus der gleichen Branche… Dass sich Leute darüber aufregen kann ich aber auch in gewissem Maße verstehen. Ist wohl auch durch die ganzen schlimmen Internet Abzocke Dokus ausgelöst. Aber auch ich glaube fest an den Spruch “Jeden Morgen stehen wir unzählige Dumme auf, man muss nur rausfinden wie man an deren Geld kommt”.
Den Artikel von Julian finde ich ein wenig zu krass. Der Sprung von Twitter und Klingeltönen zum ganzen Unrecht der Welt ist mir dann wohl doch ein wenig zu viel des Guten. Außerdem beschreibt Marcus auch nicht wie man Leute abzockt, sondern lediglich wie man automatisiert seine Provisions finanzierte Werbung unters Volk bekommt. Der User wird ja nicht durch irgendwelche miesen Tricks dazu gezwungen einen Klingelton zu kaufen und bekommt davon gar nix mit.
Ich würde mir eher Gedanken über ganz andere Abzocker im Internet machen…
Tags:abzocke, quatsch, Twitter




Mir ist natürlich klar, dass ein automatisierter Twitter-Account mit Affiliate-Links dahinter kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt. Ich wollte jedoch hochhalten, dass man eben nicht gezwungen ist, aus der Unerfahrenheit anderer Kapital zu schlagen. Ich zum Beispiel hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich wüsste, dass wegen meiner Provision täglich hundert Teenager irgendwo in Deutschland tierischen Anschiss von den Eltern wegen der Handyrechnung kriegen. Damit könnte ich einfach nicht leben.
Vielleicht fehlt mir ja in der Beziehung das Gewissen, aber die Leute die sich z. B. einen Klingelton kaufen machen das ja nicht grundlos.
Diese User landen ja meistens nicht aus Zufall auf dem Twitter Profil, sondern sie suchen ja gezielt nach diesen Informationen.
Im Prinzip dreht sich ja alles nur darum die Suchanfragen zu befriedigen und die Provision ist der Lohn dafür, dass man es schafft eine Seite möglichst gut im Internet zu platzieren.
Natürlich machen sie das absichtlich, aber wieso suchen Leute überhaupt nach Klingeltönen? Weil es Klingeltöne gibt. Und weil sie zu einer Modeerscheinung hochgepusht wurden, natürlich nur, damit Leute sie kaufen. Wenn man’s nüchtern betrachtet, *braucht* also kein Mensch Klingeltöne, außer irgendeinem Geräusch, wenn jemand anruft.
Gut, es gibt einen Markt dafür, okay. Was ist so ein Klingelton wert? Wenn es der Ausschnitt eines Songs ist, dann hat der Typ, der das Stück aus dem fertigen Song schneidet, ungefähr 6 Minuten Arbeit (1/10 Stunde), was bei einem Stundenlohn von 20 Euro also 2 Euro ausmacht. Der Klingelton ist also 2 Euro wert, und zwar nicht pro Abruf, sondern insgesamt. Die Band hat das Lied ja nicht gemacht, um es als Klingelton auszuwerten, also können wir diese zusätzliche Einnahme für den Urheber ja getrost vernachlässigen. Wenn nun 200 Leute den Klingelton kaufen, dann dürfte er pro Person 1 Cent kosten.
Tut er aber nicht. Er kostet pro Person 5 Euro (oder so), also sind 4,99 davon Gewinn, sofern nur 200 Leute den Klingelton kaufen. Und hier stimmt meines Erachtens (siehe Blogeintrag) eben das Verhältnis Gewinn zu Preis nicht mehr, siehe auch “Wucher”. Daher ist es unethisch, Klingeltöne überhaupt zur Erzielung von Gewinn zu verkaufen. Das meine ich.
Die “Suchanfragen”, die man “befriedigen” will, sind sicherlich zu 99% verwandt mit Modeeerscheinungen und Trends, und Trend sind sicherlich zu 99% verknüpft mit Imageproblemen, sozialem Druck, Gruppenzwang und Unsicherheit bei der jeweiligen Zielgruppe. Trends (und Moden) sind daher meistens nichts Gutes, sondern ein akribisch am Laufen gehaltenes Kunstprodukt, das ausschließlich zum Zweck hat, Sehnsüchte und Wünsche von unsicheren Menschen auszubeuten. Und das ist schlicht und einfach unethisch. Sowas tut man einfach nicht. Ein “Trend”, den ich für gerechtfertigt halte, ist zum Beispiel die Entscheidung einer medizinischen Fachkommission, gegen welche der unzählichen Influenza-Stämmen der Grippe-Impfstoff für das jeweilige Winterhalbjahr hergestellt wird. Das ist eine “Mode”, die Sinn macht und einen Zweck hat.
Man könnte auch sagen: “Think outside the box” oder “Tritt mal ein paar Schritte zurück und betrachte das Gesamtbild”.
(vielleicht zitiere ich Deinen und meinen Kommentar in meinem Blog, hoffe, das ist okay.)
Darüber das Klingeltöne absolut zum kotzen sind und sie eigentlich kein Mensch braucht müssen wir gar nicht reden. Da bin ich der gleichen Meinung. Aber gerade mit den Sachen die niemand braucht kann man am meisten Geld machen.
Aber hier sind wir jetzt an einem Punkt an dem man nicht jemand für das Produkt “Klingeltöne” verantwortlich machen kann, nur weil auch einen Stück vom Trend Kuchen abgreifen will.
Klingeltöne waren da wohl ein schlechtes Beispiel, weil die wirklich scheiße sind. Aber man kann ja auch andere Produkte über diesen Weg verkaufen. Z. B. Rasensamen. Ich denke hier sind wir uns einig, dass Rasensamen nichts böses sind.
Bei dem Beispiel von Marcus ging es ja nur darum ein beliebiges Produkt X über Twitter verkaufen zu können und das ist meiner Meinung nach nichts schlimmes. Wenn ein User nach Klingeltönen, Rasensamen oder auch Viagra sucht und durch meinen Link das Produkt findet was er haben will, dann sind wir ja beide glücklich. Er hat das gefunden was er gesucht und ich hab dafür ne Provision bekommen.
Aber deine Rechnung mit dem Klingelton geht nicht ganz auf. Da hängen ja noch jede menge andere Sachen dran nicht nur die reine Arbeitszeit die man benötigt den Mist zu produzieren.
Der Klingelton muss gleichzeitig auch den Computer bezahlen mit dem er erstellt wurde, einen Teil der Mietkosten für das Büro erwirtschaften und und und… Trotzdem geb ich dir recht dass ein Klingelton überteuert ist.
Aber daran sind nicht die Firmen schuld, sondern die Kids die sich den Mist kaufen.
Das Problem an dieser schönen heilen Welt wo jeder nur noch das kauft was er auch wirklich benötigt, is dass dann sehr viele Leute kein Einkommen mehr haben.
Schon alleine wenn ich mir die Sachen anschauen die in meiner nächsten Umgebung in Reichweite liegen, dann ist da keine einzige Sache dabei wo ich sagen die brauche ich wirklich.
Aber es sind doch alles Sachen, die mein Leben ein klein wenig lebenswerter machen (ich weiß, der Satz ist total beschissen, aber den konnte ich mir nicht verkneifen)
Die Kommentare darfst du natürlich gerne kopieren.
LG – Manu
Hi Manu,
ich hab die Klingeltöne als Beispiel gewählt, weil Mediadonis sie selbst als Beispiel benutzt hat. Einverstanden, Klingeltöne braucht kein Mensch.
Du hast mit den Rasensamen ein sehr gutes Beispiel geliefert, finde ich: Rasensamen sind nichts böses, und es gibt einige Leute, die sie brauchen. Einverstanden. Jetzt frage ich mich: Wieso verkauft einer Rasensamen übers Internet? Kennt dieser Jemand sich damit aus, ist dieser Jemand Landschaftsgärtner? Hat es überhaupt Sinn, Rasensamen online zu kaufen? Ich denke, nein.
Wenn die Arbeit darin besteht, seinen eigenen Shop möglichst gut bei Google platziert zu bekommen und nicht darin, sich möglichst gut mit seinem eigenen Sortiment auszukennen als Verkäufer, dann ist der Shop unseriös. Nun ist es aber so, dass Geschäfte Suchmaschinenoptimierer bezahlen, um ihren Laden besser platziert zu bekommen, heraus kommen dann Google-Anzeigen wie “Jetzt sofort kostenlos XY probieren!”. Was klingt wie der heißeste Tipp des Universums, ist Werbepsychologie in den Kinderschuhen. Die Message der aktuellen Anzeigen (und das, was die tollen SEOs angeblich so gut können), ist laienhaftes Gebrabbel. Noch plumper als selbst “Trink Coca-Cola”. (Beispiel: http://cocaine.org/coca-cola/cocacola.html ) Was heute bei SEOs der letzte Schrei ist, war in der realen Werbung schon vor rund 100 Jahren veraltet. Daher ist die Leistung der SEOs bei weitem nicht so groß und so wichtig wie von diesen selbst empfunden, deren besonders gute Kenntnisse der Spielregeln von Google ist das einzige, was sie können. Doch Werbung ist so viel mehr als eine Art Computerspiel, wo es darum geht, einen Link gegen die konkurrierenden SEOs der anderen möglichst weit oben platziert zu bekommen.
Außerdem ist Google schlicht ungerecht, denn es gibt sicherlich mehr als die ein, drei oder fünf Geschäfte auf der ersten Seite der Suchergebnisse, die kompetent Rasensamen verkaufen können. Wenn eines (oder hunderte) davon ins Hintertreffen gerät, weil deren Googleplatzierung nicht so stark gedpot wurde wie die der anderen, dann ist das Geschäft nicht schlechter, hat aber Nachteile. Das empfinde ich als ungerecht, auch wenn es das Gesetz der Marktwirtschaft sein mag. Es gibt bei Google keine Laufkundschaft, deswegen ist die Konkurrenz viel härter als im realen Leben.
Mein Problem mit den SEOs ist, dass das “Doping” der Googleposition (egal, ob Suchergebnisse oder Werbung) eine eigene “Disziplin” geworden ist, die völlig unabhängig von der Qualität des Geschäfts dahinter eine entsprechende Positionierung ermöglicht. (Okay, es gibt wohl Kontrollmechanismen von Seiten Googles, die das anhand der Erfolge überwachen.) Im Grunde braucht man nur aber einem SEO genug Geld geben, dann kommt das eigene Unternehmen möglichst gut bei Google raus, egal, ob es was taugt oder nicht. Der Google-Suchende kann daher nicht mehr einschätzen, ob ein Unternehmen halbwegs seriös ist. Die Hauptsache ist, dass er was gekauft hat, irgendwas, damit die Conversion Rate stimmt. Seine Zufriedenheit ist erstmal wurscht. Das ist doch nicht mehr in Ordnung, oder? Ich finde das nicht mehr in Ordnung.
Zu Deinem Hinweis, dass die Kids daran schuld seien, wenn sie sich einen Klingelton kaufen: Es sind Kinder! Die sind zu Recht nicht voll geschäftsfähig, gerade weil sie eben besonders anfällig sind für Gruppenzwang, Werbung, Modetrends und andere Verführungen. Da ist *natürlich* die Firma dran schuld, wenn sie so einen Kack produziert, einen süßen Schnuffelhasen mit Kindchenschema dazu gestaltet und das dann auf den Markt wirft. Das grenzt doch an Gehirnwäsche!
Das Leben muss natürlich auch genossen werden können, keinem Menschen kann zugemutet werden, dass er nur das kauft, was er braucht, wir sind ja nicht mehr in der Steinzeit. Doch die Definition von “brauchen” ist schon sehr verschwommen. Brauche ich einen Computer? Eigentlich nicht. Ich habe mir zwar einen Beruf ausgesucht, der die Verwendung eines Computers nötig macht, aber gäbe es überhaupt keine Computer, hätte ich halt einen anderen Beruf gewählt. Doch ich bin sicher, die allermeisten Leute würden sagen “Klar brauche ich einen Computer”. Oder ein Auto, einen Fernseher, Urlaub in der Ferne, (…) und einen Klingelton. Man darf nicht leichtfertig annehmen, dass “brauchen” für jeden Mensch denselben Stellenwert hat. Denn genau aus diesen unterschiedlichen Definitionen ergibt sich ja das Gefälle, das es möglich macht, “unerfahrenen” Leuten irgendeinen Scheiß zu verkaufen, weil sie eben *meinen*, es zu brauchen. Und genau das finde ich eben, wie schon öfter gesagt, unethisch.